Lehre

Beiträge von Kolleginnen und Kollegen, geschrieben zu Hans-Martin Gutmanns 60. Geburtstag 2013.

Swantje Luthe

Das Bugenhagen-Konvikt

Lieber Hans-Martin, seit April 2001 bist Du Professor für Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Homiletik an der Universität Hamburg. Schon im Dezember 2002 wurdest Du vom Fachbereich für evangelische Theologie als Kuratoriums- und Vorstandsmitglied ins Bugenhagen-Konvikt delegiert. Seither hast Du nicht nur viele Generationen von Studierenden im Bugenhagen-Konvikt miterlebt, sondern auch manch intensive Vorstandssitzung geleitet. Wie als Lehrer an der Universität schaffst Du es auch im Bugi immer mit der gebotenen Sorgfalt und trotzdem wertschätzend für eine angenehme Atmosphäre im Gespräch mit Vorstand, Kuratorium, Verwaltung und studentischem Präsidium zu sorgen. Du hast stets ein offenes Ohr für Anliegen der MitarbeiterInnen und der Studierenden gleichermaßen. Für viele Studierende aus dem In- und Ausland ist das Bugenhagen-Konvikt zu ihrer neuen Hamburger Heimat geworden. Seit über 50 Jahren bietet das Wohnheim Studierenden Wohnraum, Gemeinschaft und freundschaftliches Miteinander. Das internationale Zusammenleben ermöglicht auf vielfältige Weise, andere Kulturen, Ansichten und Lebensentwürfe kennenzulernen und auf diesem Wege interkulturelle Erfahrungen zu machen und Fähigkeiten zu erlernen. Die enge Verbindung des Konvikts zum Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg und zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland ermöglicht kompetente Unterstützung in allen Studienphasen. Lern- und Examensgruppen bilden sich und haben durch die Bibliothek und die idyllische Ruhe der Umgebung gute Arbeitsmöglichkeiten. Andachten werden gemeinsam gestaltet und gehalten: Es wird in ökumenischer Weite gelebt und gelernt. Nicht nur in der Andachtsgruppe wirkt sich die gute Zusammenarbeit und Vernetzung von Deiner Arbeit am Fachbereich und im Bugenhagen-Konvikt aus. Und doch ist das Andachtsteam ein anschauliches Beispiel, denn so einige Studierende aus Deinem Filmseminar und/oder dem liturgisch-didaktischen Seminar, das die Universitätsgottesdienste vorbereitet, engagieren sich in den Andachten im Wohnheim. Die Feier des Lebens und des Hamburger Sommers ereignet sich natürlich nicht nur im gediegenen Andachtsraum. In der hauseigenen Bar wird dafür gesorgt, dass das Leben nicht zu kurz kommt. Du hast hier schon so manche Party und so einige Sommerfeste in unserem Konviktsgarten mitgefeiert und mit Deiner Band auch musikalisch begleitet. So sehr Du mittendrin bist, Du bewahrst trotzdem immer die nötige Distanz für einen Blick von außen. Nur so kann sich in den Gesprächen mit Dir ein Perspektivwechsel auftun, nur so können kreative Prozesse ins Fließen kommen, nur so können Räume eröffnet werden, um neue Ideen zu verwirklichen. Mein liebstes Wort, das ich von Dir gelernt habe, heißt: Reziprozität! Die Erwartung in unserer alltäglichen Kommunikation, dass Gleiches mit Gleichem beantwortet wird, Freundlichkeit mit Freundlichkeit, Wertschätzung mit Wertschätzung, erfüllt sich im Bugenhagen-Konvikt. Es weht ein besonderer Geist im Bugi. Das ist nicht zuletzt Dir und Deiner Vorstandsarbeit zu verdanken. Dankeschön, lieber Hans-Martin!

Deine Swantje — Hamburg-Othmarschen, am 18. Juni 2013

Tim Schramm und Simon Eckhardt

Filmseminar

Als Hans-Martin Gutmann nach Hamburg kam, da hatte er auch sein wissenschaftliches Interesse an der populären Kultur mit im Gepäck. So wurde neben anderen einschlägigen Themen „Religion im Film“ ausdrücklich als Fragestellung in Forschung und Lehre am Institut für Praktische Theologie etabliert. Seit dem Winter 2004/2005 hat es (fast) jedes Semester eine entsprechende Veranstaltung gegeben. Ihr Ziel war und ist immer neu die „Wahrnehmung und Interpretation“ von aktuellen, massenwirksamen Filmerzählungen. Die betrachten wir als „offene Kunstwerke“ (Umberto Eco) und registrieren gespannt und meist begeistert die vielfältigen Weisen der Rezeption. Wie in guten Texten, auch der Bibel, so gibt es auch in guten Filmen ungezählte Leerstellen, in die wir mit unserer Phantasie einwandern und so kreativ unsere je eigene Lesart entwickeln. Filmerzählungen gibt es immer nur im Plural derer, die gemeinsam einen Film ansehen. Für das Gespräch darüber hat sich uns das sogenannte „Göttinger Stufen-Modell“ bewährt. Dessen Lernziel besteht darin, „Verstehen zu üben, zu vertiefen und zu verbreitern“ und Verstehen dabei nicht nur als eine rational-kognitive Schlussbildung, sondern als einen Vorgang zu begreifen, der Wahrnehmung, Gefühle, Einfälle und rationale Schlussbildung umfasst. Diese „Bausteine“ werden auf dem Weg zur Interpretation nacheinander – Stufe für Stufe – erarbeitet. Der Verstehensprozess wird dadurch bewusst verlangsamt und zugleich intensiviert. Zunächst, wenn es um die Wahrnehmung des Films geht, „leihen“ die Teilnehmenden sich gleichsam Augen und Ohren (Was habt Ihr gesehen, was habt ihr gehört?). Sie teilen (sharing), wenn nach den Gefühlen gefragt wird, ihre „Identifikationen und emotionalen Reaktionen“. Auf der dritten Stufe amplifizieren Einfälle und Assoziationen, die unser Verstehen immer beeinflussen, das Bild und wollen doch zugleich auch auf ihre Relevanz hin „geprüft“ sein. Schlussbildung und Wertung erfolgen ausdrücklich immer erst am Schluss. Diese schöne Veranstaltung steht allen Interessierten offen; nicht nur Pfarramts- und Lehramtsstudierende haben daran teilgenommen. Wohltuend „flache Hierarchie“, „gleiche Augenhöhe“ bestimmt das Miteinander. Wer immer einen Schein will oder braucht, schreibt ein Filmtagebuch, ein Journal, von Film zu Film, mit Eindrücken, Nachgedanken, Bildern, Gedichten oder Träumen: Selber kreativ werden in der Aneignung eines kreativen Mediums, das ist das Ziel! Und zu einem von den 7 Filmen des Semesters erbitten wir ein Stück „Forschung“ – Informationen zu Regisseur und Crew, Sichtung der Rezensionen, Einordnung in die Film-Geschichte, Analyse und Interpretation. Religion im Film, das ist ein weites Feld. Es muss nicht betont werden, dass wir natürlich nicht nur Filme sehen, die ausdrücklich biblische Stoffe verarbeiten (wie „Die letzte Versuchung Christi“, Regie: Martin Scorsese, 1987/88 oder „Jesus von Montreal“, Regie: Deys Arcand, 1989) oder namentlich religiöse Themen zum Gegenstand haben (wie z.B. „Opfer“, Regie: Andrej Tarkowski, 1985). Wenn es um die Wahrnehmung der populären Kultur geht, müssen möglichst alle massenwirksamen Filme in den Blick genommen werden. Religiöse Muster lassen sich nämlich an vielen Kinofilmen aufweisen, gerade auch da, wo diese nicht explizit intendiert sind. Schöne Beispiele dafür sind u.a. „Gran Torino“, Regie: Clint Eastwood, 2008 oder „In einer besseren Welt“, Regie: Susanne Bier, 2010. Gute Regisseure sind die Propheten unserer Zeit, hat man gesagt; das macht alle guten Filme auch „theologisch“ interessant. Was sagen sie über „Gott und die Welt“? Welche Mensch- und Gottesbilder werden vermittelt? Wie sieht ihre Zeit-Diagnose aus? Gibt es Handlungsanweisungen? Gelingt im Medium Film womöglich der Durchbruch zu einem „anderen Leben“? Angesichts der Fülle aktueller Filme haben wir für unsere Seminare gern jeweils ein „Thema“ gewählt, um eine gewisse Fokussierung zu erreichen. Einige Beispiele dafür sollen hier noch genannt werden: • Tod und Sterben im Film • Opfer im Film • Liebe und Tod: Existentielle Krisen im massenwirksamen Film • Kill Bill! – Frauen als Kämpferinnen, Göttinnen und Clowninnen. Zur Konstruktion neuer Frauenbilder im Film (WS 2007/2008 zusammen mit Inge Kirsner) • Das Böse im Film (u.a. mit „Walk the Line“, Regie: James Mangold, 2005 / „Das Fest“, Regie: Thomas Vinterberg, 1998 / „Kadosh“, Regie: Amos Gitai, 1999) • Reisen, Fluchten, Expeditionen • Ethik im Film • Sünde im Film • Auferstehung und Gegenbilder: Wiedergänger, Untote und Vampire • Was kommt auf uns zu? Apokalypse und Hoffnungsszenarien im Kinofilm • Himmel und Hölle – Licht und Finsternis: die Ambivalenz des Lebens im Kinofilm • Religionen im Film – Film als Religion Bleibt noch zu erwähnen, dass die Institute für Praktische Theologie und Neues Testament, mit Unterstützung der Gustav-Prietsch-Stiftung und des ABATON-Kinos, im Sommersemester 2007 (10.–13. Mai) ein gut besuchtes Film-Symposion veranstaltet haben. Thema: „Religionen im Film“ mit großen Filmen zu Judentum (u.a. „Kalmans Geheimnis“, Regie: Jeroen Krabbé, 1998), Christentum (u.a. „Die große Stille“, Regie: Philip Gröning, 2005) und Islam (u.a. „Die große Reise“: Ismaél Ferroukhi, 2004). Summa summarum: Das Filmseminar ist eine sehr nützliche Bereicherung im Lehrangebot des Fachbereichs, denn es fördert Interpretations- und Medienkompetenz. Und weil gemeinsames Lernen und Lehren hier besonders viel Freude bereitet, nennen wir das Film-Seminar ein wunderbares, nachhaltiges Geschenk! Danke, lieber Hans-Martin Gutmann!

Simon Eckhardt und Tim Schramm — Hamburg, 16. Juni 2013

Wolfgang Grünberg

Homiletisches und liturgisches Denken

Wenn ich etwas über die homiletischen Impulse von Hans-Martin Gutmann schreiben müsste, was wäre dann zu tun? Dann wären seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu lesen und seine Praxis damit zu vergleichen und zu würdigen. Mir scheint der umgekehrte Weg angemessener. In diesem Sinn würde ich ein Praxisfeld – etwa die Universitätsgottesdienste – genauer beschreiben und auf ihre theoretischen Implikationen hin befragen. Dazu hier nur erste Vorüberlegungen. Zu allererst würde ich zuerst zu ergründen versuchen, wie der Universitätsprediger zu seinen Semesterthemen kommt und wie die konkrete Umsetzung in den Gottesdiensten dann verläuft. Die erste Feststellung auf diesem hier nur angedeutetem Weg ist zunächst, dass der Universitätsprediger (wohl nicht nur der in Hamburg) sich nicht an die vorgegebene Perikopenordnung hält. Warum eigentlich nicht? Kein Trotz. Keine Abkehr von der Orientierung am Kirchenjahr. Warum stattdessen thematische Einheiten für je ein Semester? Viele Antworten sind vorstellbar: Die potenzielle „Universitätsgemeinde“ bestehe mehr aus Suchenden und sog. „distanzierten Christenmenschen“. Oder soll vielleicht ausprobiert werden, ob sich biblisch-thematische Linien (aus beiden Testamenten) flexibler als festliegende Perikopen eignen könnten, in den Köpfen, Herzen und Emotionen der Menschen Wurzeln zu schlagen? Geht es nicht notwendig auch darum, den genius loci einer Universität und den Zeitgeist von Studierenden so eher zu treffen? Könnte es sein, dass es in einem Universitätsgottesdienst primär nicht um „neue“ Informationen, auch nicht nur um Affirmationen oder Konfrontationen geht, sondern darum, mit Hilfe der Bibel (im gerechten Umfang, also immer unter Einbeziehung der jüdischen Bibel) die jeweilige Gegenwart, also das Hier und Heute gleichsam zum Tanz aufzufordern? Wer sind dann die Tanzpartner? Die alten Botschaften der Armen und der Reichen, die Erfahrungen der Lebenden und der Toten, die traditionellen oder neu erworbenen Unsicherheiten und Gewissheiten der Jungen und der Alten, der Fremden und der Nahen, der Frauen und der Männer, der Frommen und derer, die sich selbst als säkularisiert oder als religiös unmusikalisch einschätzen? Sofort drängt sich der Einwand auf: Eine Predigt (und entsprechend eine Homiletik) ist doch kein Tanz oder Anleitung zum Tanzen!! Welch eine Überforderung! Schon verständlich. Aber sind es nicht die Feste, die das Maß setzen? Ist der Sonntag oder der Schabbat kein Festtag? Sollte nicht in jedem Gottesdienst der Geschmack der erlösten Welt zumindest ahnbar sein? Ist nicht der Tanz, auch als Metapher, ein Medium, ungeahnte Ambivalenzen und Spannweiten zur Sprache zubringen? Auf der Theorieebene wäre also zu erfassen, ob und wie Liturgik und Homiletik bei Hans-Martin Gutmann aufeinander bezogen wären. Ein einziger Besuch in einem Universitätsgottesdienst in St. Katharinen zeigt uns, wie die Integration liturgischer und homiletischer Aspekte (die natürlich auch nicht immer gelingt) wohl gedacht ist: Fast kein Gottesdienst ohne Abendmahl. Kein Gottesdienst ohne eine ganze Anzahl unterschiedlicher Akteure: Studierende begrüßen und lesen die entscheidenden Bibeltexte. Der Predigttext wird szenisch dargestellt. Oft werden so negative wie positive Reaktionen in szenische Utopien umgesetzt. Sodann spielen die Musen ein wichtiges Wort mit: Musiker aller Couleur improvisieren und kommentieren vor und nach der Predigt die Themen und Texte der Predigt als individuelle Expression, die die teilnehmende Gemeinde anleiten könnte, selbst ein eigenes, persönliches Echo auf das Gehörte und Erfahrene zu finden und ihr eine Gestalt – etwa im Gebet – zu geben. Erstes Ergebnis: Der Gottesdienst ist nicht nur in der Liturgie, sondern auch in der Predigt darstellendes Handeln und führt zum gemeinsam gefeierten Abendmahl. Es ist kein Annex, gehört nicht „dazu“ sondern ist ein zusammenfassender Höhepunkt: „Wer Befreiung von seiner Schuld und Frieden für sein Leben sucht, der ist herzlich eingeladen, zum Mahl des Lebens zu kommen. Auch wer nicht mit Brot und Wein kommunizieren möchte, sei eingeladen, mit in den Kreis vor dem Altar zu kommen.“ Was heißt dies anderes, als das Begehen der Überzeugung, dass die persönlichen, individuellen, aber auch die politischen Verhältnisse nicht als unveränderbar deklariert werden. Der Gottesdienst spielt die erlösende Kraft gegen alle angeblich unveränderlichen Gegebenheiten nicht vor sondern durch. Anders gesagt: Die Verhältnisse, so wie sie sind, werden nun am Ende, aber vor dem Segen noch einmal zum Tanzen gebracht! Dann werden Alle gesegnet – als Geleit in den Alltag. Der Segen wird so zum Scharnier zwischen der Solidarität Gottes in Christus mit der wunderbaren und gleichwohl leidenden Schöpfung und unserer konkreten Solidarität mit unseren Geschwistern aus der Ferne und der Nähe. Die konkret erfahrbare eigene Welt bleibt trotz Leid und Tod Gottes geliebte Schöpfung. Der Tod ist kein Argument mehr gegen Gott (Ernst Lange). Auf die göttliche Kraft der Auferstehung Vertrauen zu setzen und von dieser im Gottesdienstverlauf erlebten Erfahrung aus diese Welt und sich selber zum Tanz eingeladen und ermuntert zu sehen: Das könnte als Ziel und Charme der Universitätsgottesdienste in Hamburg bezeichnet werden. Die Theorieelemente, die hier prozessual im Gottesdienstablauf erkennbar werden, sind umfassender als die klassischen homiletischen und liturgischen Entwürfe. Hans-Martin Gutmann hat in vielen seiner Bücher (besonders in der „Rechtfertigung der Überflüssigen“ von 2008) dazu Entscheidendes zu Papier gebracht. Sein Vorgänger im Doppelamt vom Universitätsprediger und Ordinarius für alle Teilfächer der Praktischen Theologie, Peter Cornehl hat die integrale Liturgik und Homiletik schon vor vielen Jahren gefordert und in seinem opus magnum zur Geschichte des Gottesdienstes viele Einsichten und biblische Begründungen vorgestellt. Hans-Martin Gutmann hat diesen Faden aufgenommen und in seiner Weise weitergeführt. Homiletik und Liturgik, den Gottesdienst als Tanz der Verhältnisse und als Theorie und Praxis der Antizipation von Erlösung und Befreiung zu entfalten, ist als einheitlicher Entwurf noch ein Desiderat! Gott sei Dank! So bleiben dem Jubilar, dem Literat und Musikus, dem Regisseur und Ordinarius für Praktische Theologie in ihrem ganzen Umfang noch wesentliche Themen und Herausforderungen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte!

In dankbarer Verbundenheit zum 21.6.2013 von Wolfgang Grünberg

Silke Leonhard

Karwoche

Es war einmal im Frühjahr an einem kleinen Ort in der Nähe von Göttingen… Manche Lehr- und Lernformen erschließen sich narrativ. Die Karwoche ist die Zeit und Sattenhausen ist das Dorf, in dem sich (normalerweise) in jedem Jahr für drei Tage in der Passionszeit – und eben meist von Kar-Montag bis Gründonnerstag – Theologie- und Religionspädagogikstudierende zweier oder zuweilen auch dreier Universitäten und ihre Dozent/innen treffen. Hier begehen sie die Passionszeit rituell in einem gemeinsam gestalteten performativen Seminar – im kommenden Jahr mit dir, Swantje Luthe, Ina Schröder sowie mir und Hamburger wie Hannoveraner Studierenden. Ort und Zeit liegen abseits des universitär durchstrukturierten Alltags. An unserem ländlichen Arbeitsort im hochschuldidaktischen Abseits des Alltags besteht genügend Zeit und Raum für gedankliche Arbeit, aber auch für gemeinsame sonstige Gestaltung des Tages. Die Kirche neben dem Haus wird für gemeinsame Arbeits- und Feierprozesse genutzt und ermöglicht der Seminargruppe, auch innerhalb der Blockseminarzeit bewusst zuweilen einen Raum aufzusuchen, der eine andere Qualität hat. Etwas Besonderes ist die Begegnung der Theologiestudierenden aus heterogenen Studienorten und theologischer Traditionen, mit verschiedensten religiösen Biografien, Sozialisationen und Erfahrungen. Im Karwochen- bzw. Passionsseminar kommt dieses mitgebrachte Erfahrungsgepäck in der Bearbeitung themenzentriert zum Tragen. Die Seminararbeitsstruktur ist durch Liturgie getragen. Das Seminar hat an allen Tagen einen recht festen Rhythmus. Der Morgen und der Mittag werden von dem Stundengebet gerahmt; am Nachmittag erprobt das gesamte Seminar das gemeinschaftliche Chorsingen; der Abend endet mit einer Passionsandacht, in der eine biblische Passion gelesen wird. Und natürlich geht es doch weiter: Da jazzt ein Dozent am verstimmten häuslichen Klavier; bei Bier, Wein und Gesprächen geht auch das theologische wie gesellige Treiben weiter. Die Seminarelemente, die im Laufe der drei Tage erarbeitet und gesungen werden, fließen am Schluss in einen gemeinsam gestalteten Abendmahlsgottesdienst ein. Dessen Predigt greift eine Performance eines Bibeltextes auf. Thematisch geht es darum, ‚Passion‘ in ihren Formen für gegenwärtige Lebenszusammenhänge zu gestalten. Dabei spielen Leitfragen eine Rolle: Was meinen wir gegenwärtig mit „Passion“? Wie geht die Gesellschaft, die Welt mit Leiden um, wie wir im Christentum? Was zeichnet die Passionszeit des Kirchenjahres aus? Wie greifen kulturelle Formen und Inszenierungen – Lieder, Filme, biblische und andere Texte – die Passion Jesu Christi auf? Das Seminar geht diesen Fragen auf kultische und kulturelle Weise theologisch und religionspädagogisch nach: Am ersten Abend wird ein Kinofilm gemeinsam gesehen und theologisch betrachtet, unter Einbezug der Wirkungen auf jede/n Einzelnen und auf die Gesellschaft. Ein weiterer Tag dient der Lektüre und Bearbeitung theologischer, lyrischer, lebensweltlicher Texte: Im Brennpunkt der Frage, wie sich Leiden, Gewalt, Verrat und andere Aspekte und Elemente von Passion in Phänomenen und Inszenierungen des gegenwärtigen kulturellen, kirchlichen Lebens niederschlagen, welche Verarbeitungen und theologischen Antworten gesucht und gefunden werden. Einen gewissen Höhepunkt bildet der dritte Tag: Ein ganzer Tag für eine Bibelstelle! Ein Tag, um eine biblische Geschichte aus dem AT oder NT in einer Kleingruppe gemeinsam durchzugehen, diese wirken zu lassen, mit ihr gestalterisch deutend zu arbeiten und sie in eine szenische Gestalt münden zu lassen. In einer Form zwischen Bibliodrama und Bibeltheater lässt sich die Gruppe von dem biblischen Text bewegen und bewegt den Text im Interesse einer Inszenierung miteinander. Am Abend werden diese Inszenierungen aufgeführt in den „Spielen zur Passion“. Die Gruppen bringen Szenen auf die Bühnen, die an dem ländlichen Ort vorhanden sind, und stellen diese einander vor: im Gruppensaal, auf dem Dachboden, in der Kirche, auch im Garten. Die jeweiligen Zuschauer/innen betrachten und arbeiten mit den Performances anschließend weiter, indem ihre Wahrnehmungen, Resonanzen und Interpretationen in ein gemeinsames Gespräch über jede Performance einfließen. Schließlich überlegt das Plenum, welche der Performances als Anspiel oder Predigtinszenierung in den Abschlussgottesdienst einfließt. Das Passionsseminar lenkt in jedem Jahr wieder in vollem Bewusstsein die Aufmerksamkeit auf die Passion – den biblischen Zusammenhang, in dem das Leben Jesu als eine zugleich zutiefst menschliche und leidende Geschöpflichkeit dargestellt ist. Passion ist aber auch der biblische Zusammenhang, in dem von Auferstehungserfahrungen her genau dieses Leiden eingeklammert wird. Ein christlicher Umgang mit dem Leben, vielleicht sogar eine Lebenskunst, kann nicht vorbeisehen an damaligem und gegenwärtigem Leiden. Aus christlicher Perspektive ist der Mut dran, die Augen zu erheben und den Leiden(den) ins Gesicht zu sehen. Diese Form theologischer Arbeit und des Lernens ist eine Wahrnehmungsschulung des Umgangs mit Formen von Religion: Symbole, Rituale und Formen von Passion werden (anthropologisch, biblisch, liturgisch, ästhetisch, pädagogisch) erkundet. Arbeitsformen wie Filmanalyse, szenische Interpretation und die Lektüre ausgewählter theologischer und poetischer Texte werden erprobt. Die Arbeitseinheiten sind in dieser „Außenstelle“ der Universität jedoch anders geerdet, weil sie eingebettet sind in einen rhythmischen und ansatzweise liturgischen Prozess. Vom Ankommen bis zur gemeinsamen Gestaltung eines Gottesdienstes, der alle Seminarelemente in eine gottesdienstliche Gestalt bringt, gibt es mehr als ein Nachdenken und Reden, sondern eine gestaltete Verbindung von Religion, Studium und Lebenspraxis. Lieber Hans-Martin, zu meinem Lebenselixier gehört, seit über zwanzig Jahren zusammen mit dir, anderen beherzten Dozent/innen und Studierenden, dieses Seminar in Raum, Zeit und Leiblichkeit begehen zu dürfen. Geboren wurde es ja vor allem von Christoph Bizer, der es in einem Team mit dir gestaltete, in das ich langsam hineinwuchs. Dieses Seminar prägt, trägt und gestaltet vieles weiter. Und es ist etwas Eigenes geworden. Das hat es auch deinen theologischen Konkretionen und ästhetischen Inspirationen zu verdanken, deiner Menschenliebe und deinem mutigen Frohsinn. Ich bin froh und sehr dankbar für diese Form unseres gemeinsamen Gestalt-Wirkens – damals, jetzt und bald wieder mit Swantje und Ina!

Deine Silke

Josef Kirsch

Seelsorge

Lieber Hans-Martin, zu Deinem 60. Geburtstag wünsche ich Dir Gottes Segen. Natürlich meine ich diesen Wunsch nicht als Floskel eines alten Pastors, sondern so wie Du es beschreibst und lehrst. Der Segen Gottes verändert heilsam meine Wirklichkeit. Der Segen lässt Erstarrtes fließen. Der Segen unterbricht die Gewalt. Der Segen am Ende des Gottesdienstes stärkt mich für die neue Woche. Er ist die Gegenwart der Macht Gottes gegen die Macht des Bösen. Die Gesegneten werden anderen zum Christus. Der Segen Gottes erlöst uns vom Bösen. Du merkst, ich bin mitten in Deinem Buch über die Chancen der Seelsorge in Zeiten der Krise. Ich möchte ein wenig davon schreiben, was mich an Deinem Buch anrührt, beeindruckt, was mich nachhaltig beschäftigt. Als evangelische Christen leben wir im permanenten Dialog mit der Welt, aber unsere Identität in diesem Dialog beziehen wir in der ständigen Rückbesinnung auf die Heilige Schrift. Es beeindruckt mich sehr, dass Du Deinem Buch, in dem der Dialog mit der Welt geführt wird, eine Gliederung durch fünf biblische Meditationen gegeben hast, die den Kern unseres Glaubens und unseres Zusammenlebens betreffen, erhellen und auch verstören: die Veränderung Gottes, die Sehnsucht nach Barmherzigkeit, die Unterbrechung der Gewaltfaszination, die Bindung unseres Herzens, das Geschenk zum Leben. Wenn auch die Seelsorge zu den Kernkompetenzen unseres Pastorenberufes gehört, finde ich es großartig, mit welcher Vehemenz Du in reformatorischer Tradition für die Seelsorge als Dienst eines jeden Christenmenschen eintrittst. Jeder Christ kann und soll einem anderen zum Christus werden. Dazu hat M. Luther 1519 einen wunderbaren Text geschrieben: Sermon von dem Sakrament der Buße. Jeder Christenmensch, auch eine Frau oder ein Kind, hat die priesterliche Vollmacht, im Namen Gottes die Absolution zu erteilen (Absatz 9). Diese Radikalität des Denkens von 1519 ist 2013 noch nicht wieder erreicht. Beeindruckend finde ich, dass Du nicht entweder-oder, sondern sowohl-als auch denkst. Du stellst die verschiedenen Formen der Pastoralpsychologie neben die Ansätze der energetischen Seelsorge. Das ist wirklich ungewöhnlich, weil die Begegnung mit dem Heiligen, das erschreckt und fasziniert, den einen vielleicht zu unheimlich ist und die Pastoralpsychologie den anderen vielleicht zu dürre ist. Ich schätze die Systemik sehr hoch und da hätte ich eine Bitte an Dich: Räume B. Hellinger weniger Bedeutung ein. Wichtig ist Dir, dass in der Bibel, insbesondere im NT in den Heilungen Jesu, in der Predigt vom Reiche Gottes, in der Taufe bei Paulus, im Vergehen des Alten und im Neu-Sein durch Christus immer ein Machtwechsel geschieht, und dieser Machtwechsel vollzieht sich in der Seelsorge durch die Begegnung mit dem Heiligen. Das sind altvertraute, aber im modernen Kontext eher ungewöhnliche Gedanken. Sehr plausibel finde ich diese Überlegungen aber durch Deine Bindung dieses Geschehens an die Sprache. Durch die Sprache wird Wirklichkeit nicht nur beschrieben, sondern gesetzt. Dieser performativen Funktion der Sprache begegnen wir in jedem Gerichtsurteil, aber auch in der Liturgie des Gottesdienstes und in der Gestaltwerdung der bedingungslosen Liebe Gottes gegenüber uns Menschen. Besonders beeindruckt hat mich, dass Du die Seelsorge aus der dyadischen Verengung und auch aus der Gruppenverengung herausgeführt hast in den politischen Raum. Natürlich würdest Du nicht bestreiten, dass die Seelsorge ihren legitimen Ort in der Begegnung zweier Menschen oder in einer Gruppe haben kann, aber wenn sie sich darauf beschränkt, legst Du Widerspruch ein. Damit hast Du der Seelsorge eine Dimension gegeben, die sie in der Pastoralpsychologie eingebüßt hat. Dafür bin ich Dir, der ich als junger Theologe von der politischen Theologie (J.B.Metz) herkam, außerordentlich dankbar. Grundlegend führst Du das aus am Beispiel der Gewaltunterbrechung. Du beziehst Dich dabei auf die Gewaltdefinition von Johan Galtung, dass Gewalt dort vorliegt, wo Menschen in ihrer aktuellen somatischen und geistigen Verwirklichung unter der potentiellen Verwirklichung bleiben müssen, ohne dass das Aktuelle dieses erfordert. Ich erinnere daran, dass in der Systemik die Vermehrung von Möglichkeiten als ethisches Postulat angesehen wird. Sehr tiefgründig und viele sicherlich erschreckend finde ich, dass Du den faszinierenden Aspekt der Gewaltausübung aufdeckst und damit ihre mimetische Bedeutung. Ebenso tiefgründig finde ich Deinen leidenschaftlichen Aufweis des absoluten Irrtums, durch das Opfer Unschuldiger Befriedung herstellen zu können. Seit dem Tod Jesu am Kreuz ist das einzige Opfer, das Gott gefällt, die Liebe. Alle anderen Opfer dürfen um Gottes willen nicht mehr sein. Wenn die Liebe Gestalt gewinnt, hat auch dieses mimetische Bedeutung. Deine Kapitalismusanalyse und die Analyse der Gefräßigkeit des Marktes aus dem Jahre 2005 ist durch die globale Politik der Banken und die Situation in Südeuropa bestätigt und ausgedehnt worden. Du traust in einer lebendigen Kirche den großen Narrativen der Bibel zu, die Gewaltunterbrechung individuell und gesellschaftlich verwirklichen zu können. Ich glaube dieses auch und zugleich gehört dazu das Wissen, dass viele, viele Verletzungen in diesem Leben nicht zu heilen sind und im Wissen um unsere Sterblichkeit akzeptiert werden müssen. Auch dieses gehört zum Glauben an Gott. V. Frankl hat seinen Patienten Psalmen zur Meditation aufgegeben. Ich finde es zukunftseröffnend, der Psalmzeile: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps.90, 12) für unser Leben große Bedeutung einzuräumen. Soviel für heute.

Alles Liebe, Dein Josef

Susann Kropf

Universitätsgottesdienste

Lieber Hans-Martin, Wenn ich in wenigen Worten zusammenfassen soll, was die Unigottesdienst-gruppe mir bedeutet, dann ist es immer noch: Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Dieses Seminar mit seiner Atmosphäre, in der die Gottesdienste gestaltet werden, ist einzigartig. Jeden Dienstag habe ich mich auf meine Tasse Kaffee und paar Kekse gefreut, weil ich mal wieder keine Zeit zum Frühstücken hatte. Wenn ich dazu mit Udo Lindenberg begrüßt wurde, der dein Büro beschallte und anschließend „Die güldene Sonne“ gesungen wurde, dann konnte der Morgen wirklich noch so stressig gewesen sein, hier kam ich zur Ruhe. Grund dafür liegt im Anderssein dieses Seminars: Zunächst bedeutet die Teilnahme einen höheren Zeitaufwand für alle Beteiligten. Es gilt über die Sitzungen am Dienstag hinaus auch an jedem zweiten Sonntag des Semesters bereits zwei Stunden vor Beginn des Gottesdienstes in der Kirche zu sein, um alle Vorbereitungen zu treffen und einzelne liturgische Stücke einzuüben. Und auch die besten Suppen Eimsbüttels kochen sich nicht von allein, so ist jeder Teilnehmer einmal im Semester an einem Samstagmorgen dabei, wenn es gilt zwei grandiose Suppen entstehen zu lassen, damit der angenehme Ausklang im Hause Kuhlmann/Gutmann garantiert ist. Ich denke, dass gerade weil dieses Seminar einen höheren Aufwand beinhaltet, es einem umso mehr ans Herz wächst. Du, lieber Hans-Martin, schaffst es immer wieder, dass die Gruppe innerhalb kürzester Zeit zusammenwächst. Das liegt meiner Meinung nach hauptsächlich an der Art und Weise wie Du dieses Seminar leitest. Du schaffst einen Raum, in dem die Studenten sich ausprobieren können und dabei immer wertschätzend angenommen werden. Das beginnt bei der Planung der Gottesdienste: die jeweiligen PredigerInnen besuchen am Dienstag vor dem Gottesdienst die Gruppe und es wird gemeinsam über die Textstelle diskutiert, die Gruppe schlägt eigenständig neue Themenreihen vor und stimmt über diese ab, liturgische Sprechakte werden in der Gruppe aufgeteilt, Inszenierungen gemeinsam überlegt. So hat man die Möglichkeit, sich im Kirchraum frei ausprobieren zu dürfen. Gerade Studierende, die mit wenig kirchlichem Hintergrund das Studium beginnen, wissen das zu schätzen. In besonderer Erinnerung sind mir auch die Dienstage geblieben, an denen wir keine Gottesdienste zu planen hatten. Passend zur Gottesdienstreihe haben wir uns Gäste eingeladen, die uns von ihrer Arbeit berichteten oder Institutionen besucht. Von der Notfallseelsorgerin über Besuche bei Hinz und Kunzt bis hin zum Präsenztraining bei Herrn Hirsch-Hüffell und gemeinsamen Semesterabschlussfahrten nach Kalifornien oder Berlin, ist jedes Semester prall gefüllt. Man lernt so in diesem Seminar weitaus mehr als allein einen Gottesdienst zu gestalten. Das Verlassen dieses Seminars fiel mir, wie auch vielen anderen, weil es irgendwann zu dem studentischen Leben dazu gehört, nicht leicht. Ich hatte die Ehre mehrere Semester dieses Seminar mit Dir vorzubereiten und fand so in der Praktischen Theologie meine Heimat im Studium, in der ich mich bis heute wohl fühle. Als ich meinen Suppenteller in den Händen hielt, wurde ich doch ein wenig wehmütig. Doch Abschiede gehören in unser Leben und nur wo wirklich Abschied genommen wurde, kann etwas Neues entstehen. Ich bin dir sehr dankbar für alle Erfahrungen, die ich in unserer gemeinsamen Arbeit sammeln durfte, und bin mir sicher, dass mir Vieles aus diesem Seminar helfen wird, meinen beruflichen Alltag zu meistern.

Deine Susann

Julian Sengelmann

Das Videodrama als Konzept

Bildende Kunst nutzt oftmals religiöse Themen und Vokabular. Religion lebt von Symbolen und Ritualen. Sie gewinnt Performanz im künstlerischen Ausdruck. Dass Kunst und Religion einander befruchten, soll an dieser Stelle als gegeben vorausgesetzt werden. Auch zeitgenössische und populäre Kultur bedienen sich religiöser Themen und vice versa, wie u.a der AK-Pop aufgezeigt hat.¹ Filmgottesdienste, Studien zur Verknüpfung mit Popmusik, Spiritualität in Fußballstadien, LAN-Parties als moderne Rituale – um nur einige zu nennen. In den vergangenen Jahren gab es viele Ansätze und Theorien zur Gestaltung und Formfindung des christlichen Glaubens. Hans-Martin Gutmann leitet seit fast 35 Jahren sogenannte Videodrama-Prozesse. Das ganze Geschehen ist ein komplexer Vorgang: Er erschließt sich von der Begegnung mit dem Text, Exegese, Analyse und Körperarbeit über eine Drehbuchphase inklusive Rollenbesetzung bis hin zur Aufteilung aller Gewerke, dem Filmdreh, der Postproduktion und Ausspielung und endet in der finalen Präsentation mit der Gruppe vor Gästen.² Gutmann sagt, das Videodrama sei ein ästhetischer Prozess, der im Raum eines biblischen Textes stattfinde.³ Innerhalb dieses Prozesses geht es um die Wechselwirkung zwischen Bibelstelle und aktuellem Lebenskontext der Teilnehmenden. Ebenso geht es um deren Gefühle, Phantasien, Seherwartungen und -Gewohnheiten in Filmen, so wie um kulturelle Sozialisation und persönliche Interessen. Ästhetisch und gestalterisch gibt es allenfalls Materialgrenzen: Alles, was dem Medium Film möglich ist, gilt als erlaubt und erwünscht. Inhaltlich gibt aber die Bibelstelle Raum und Richtung vor. Der Text wird zwar nie als „Bibelfilm“ direkt inszeniert, dennoch bleiben die Strukturen und Funktionen der Charaktere erhalten. Alle leitenden Konflikte der jeweiligen Perikope werden übernommen: Der Text gibt mitunter die Atmosphäre und die inhaltlich thematische Blickrichtung des Films vor. Der durchaus langwierige und intensive Prozess des Videodramas zielt auf einen etwa halbstündigen Film, der dann der Gruppe und Gästen präsentiert wird. Das Videodrama speist sich aus unterschiedlichen Methoden und Traditionen. Vornehmlich greift es auf drei Ansätze zurück: Die bibliodramatische Arbeit, den symboldidaktischen Unterricht über popkulturelle Werke und das religionspädagogische Konzept ästhetischer Wahrnehmung. Daraus entwickelt das Videodrama neue ästhetische Perspektiven, deren Grenzen fließend sind. Diese nennt Gutmann Wahrnehmung⁴, Begehung, Gestalt und Flow.⁵ Begehung rechnet primär mit einer Form der Bewegung. Geht man davon aus, dass Glaube ein Raum ist, der den Glaubenden offen steht, geht es darum, sich in diesen einzuleben. Man muss sich in ausgeprägte Formen hineinbegeben, um an ihnen nachhaltig zu partizipieren. Dabei ist die Erfahrung der Grenzen, der Größe und der Regeln des Raumes essenziell.⁶ Begehung ist zuerst im Hinblick auf ausgeprägte Formen zu verstehen. Im besonderen Falle des Videodramas gilt es, das Medium Film zu beachten. Hier muss das Begehen für Filmschaffende und Zuschauer ermöglicht werden. Begehen heißt hier also vor allem zeigen. Gesten, Worte, Interaktion müssen zwischen den Spielern genauso stimmig inszeniert werden wie im Kontext des gesamten Bildes. Stimmungen und Gefühle werden nur transportiert, wenn auf der Ebene des Zeigens eine gelungene Gestalt gefunden wird.⁷ Zum Stichwort Gestaltfindung ist konkret der Begriff der „guten Gestalt“ wichtig,⁸ den Gutmann, auf Christoph Bizer rekurrierend,⁹ verwendet. Der Begriff meint nicht unbedingt eine qualitativ gute Gestalt, sondern eine fertige Gestalt, an der nichts mehr geändert wird. Man kann sich über das Resultat ärgern oder freuen; es bedarf aber im Gruppenkontext keiner weiteren Reflexion oder Auswertung, weil von Anfang an die teleologische Ausrichtung des gesamten Prozesses mit festem Abschluss der Gruppe kommuniziert wird. Flow bezeichnet das Moment des vollkommenen Aufgehens in der jeweiligen Beschäftigung.¹⁰ So ein Zustand ist oft bei Leistungssportlern, Musikern, Schauspielern, aber auch in religiösen Ritualen zu beobachten. In solchen Momenten gibt es kein Reflektieren über das aktuelle Handeln mehr. Damit wäre der Flow sofort unterbrochen. Zu einem gewissen Grad kann man Flow begünstigen oder Störfaktoren beseitigen, um ihn von Außen zu induzieren. Das erfordert von pädagogischer Seite ein großes Maß an Empathie. In dem meist hektischen Prozess zwischen Filmen, Spielen, Umbauen und Umziehen muss im Videodrama genau ausgelotet werden, wann Zeit für Reflexion, Kritik und auch Lob ist. Es gibt keine Regel für den richtigen Zeitpunkt, denn je professioneller oder erfahrener beispielsweise ein Schauspieler ist, desto mehr kann er sich auf Anmerkungen einlassen und diese verinnerlichen, ohne „im Spiel“ darüber nachzudenken und den Flow zu stören. Flow ist also nicht das komplette Ausschalten technischer Kompetenz und Wahrnehmung zu Gunsten eines weltvergessenen Trancezustands. Es ist vielmehr der Einklang von technischem Know-How und kreativer Intensität. Um den Rahmen der Kurzbeschreibung nicht zu sprengen, sei Folgendes nur in Kürze angemerkt: nach sieben Jahren, in denen ich mit Hans-Martin Gutmann zusammen das Videodrama machen durfte, bin ich überzeugter denn je, dass sein Konzept ein wunderbares, kreatives, zeitgenössisches, hochanspruchsvolles, kluges, lustiges und didaktisch brillantes Modell ist, um mit Gruppen den Inhalt biblischer Geschichten in den eigenen Lebenskontext zu bringen. Ich bin dankbar und beglückt, immer noch dabei sein zu dürfen und bin immer noch neugierig und hungrig auf Verbesserung, Justierung, technisches Wissen, dass sich meine Dissertation in großen Teilen mit diesem Projekt befasst.

Julian Sengelmann, Mai 2013

Anmerkungen

  1. Ein Überblick einschlägiger Arbeiten zu diesem Thema bietet: www.akpop.de
  2. Man macht sich schick – es gibt Sekt!
  3. Vgl. Caroline Faber, Hans-Martin Gutmann, Eva Lemaire, Philipp Reinfeld, Kobajabok: Genesis 32,23-33 auf den Leib geschrieben, 264.
  4. Zum Thema ästhetische Wahrnehmung siehe Kapitel 3.4.
  5. Vgl. Caroline Faber, Hans-Martin Gutmann, Eva Lemaire, Philipp Reinfeld, a.a.O. 269.
  6. Vgl. Bizer, Christoph, Liturgik und Didaktik, in: JRP 5, 110.
  7. Vgl. Caroline Faber, Hans-Martin Gutmann, Eva Lemaire, Philipp Reinfeld, a.a.O. 270.
  8. Vgl. Caroline Faber, Hans-Martin Gutmann, Eva Lemaire, Philipp Reinfeld, a.a.O. 265 und 271.
  9. Vgl. Christoph Bizer, Kirchgänge im Religionsunterricht und anderswo. 42-44.
  10. Zum Thema Flow vgl. unbedingt Mihaly Csikszentmihalyi, Das Geheimnis des Glücks, und Victor Turner, Vom Ritual zum Theater.